Leseprobe Teil 1

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Trotz der Mittagshitze musste der Betrieb ohne störende Unterbrechungen aufrechterhalten werden. Die pingeligen Hotelgäste hatten bei den unmenschlichen Temperaturen unter der Mittagssonne von Los Angeles weit weniger Geduld als gewöhnlich. Heute schien es eine Zumutung für sie zu sein, auch nur eine Sekunde zu lange auf die Erfüllung ihrer Wünsche zu warten. Ein Umstand, der Luke jede Hoffnung auf Trinkgeld zunichtemachte.

Er bewegte sich nur ein paar Millimeter in der vergeblichen Hoffnung, eine kühlere Brise zu erwischen. Die Hoteluniform klebte unangenehm an seinem Rücken. Wer auch immer die langen Hemdsärmel für angemessen hielt, saß garantiert in einem klimatisierten Büro. Luke zupfte an der Weste aus schwerem Anzugstoff und wünschte dem Designer insgeheim die Pest an den Hals.
Obwohl das Hotel direkt in der Bucht lag, regte sich kaum ein Luftzug. Darauf bedacht, seinen Platz im Schatten nicht einmal mit der Schuhspitze zu verlassen, verlagerte er sein Gewicht nur minimal, ehe er wieder zu einer Statue erstarrte. Zwei andere Laufjungen waren vor ihm an der Reihe, bereit, loszuhetzen, um irgendein belangloses Zeug zu erledigen. Dennoch ließ sich daran nicht ablesen, wie lange er noch in der Hitze ausharren musste. Es konnte durchaus dauern, bis Jerome ihn losschickte. Am besten, er bewegte sich bis dahin so wenig wie möglich.

Das Klackern von Absätzen ließ ihn aufsehen und wie erwartet erspähte er Trish durch die Seitentür des Hotels.
»Verdammt!« Der Fluch kam von Sunny, der die Blondine ebenfalls bemerkt hatte. Sie tauschten einen flüchtigen Blick. Trish bedeutete meistens Ärger. Sie hatte schnell herausgefunden, dass weder Luke noch Sunny ihr einen Gefallen abschlugen. Da sie jedoch keine Befugnis über die Pagen hatte, bedeutete dies, dass diese unerlaubt ihren Wartebereich verlassen mussten.
Aber wenn Luke ehrlich war, würde er jetzt liebend gerne einen Auftrag für sie erledigen. Zumindest, wenn er dafür einen klimatisierten Raum betreten konnte.
Trish hatte es zu ihrer persönlichen Aufgabe erklärt, in dem Fünf-Sterne-Hotel einen möglichst reichen Ehemann zu finden. Bis sie dieses Ziel erreicht hatte, verbrachte sie ihre Zeit liebend gerne mit den Männern anderer Frauen. Dass sie ihre Arbeit dabei sträflich vernachlässigte, kaschierte sie, indem sie die Runner einsetzte, um ihre Aufgaben zu erledigen. Im Gegensatz zu Luke war Sunny in Deckung gegangen, kaum das Trish an der offenen Tür vorbeirauschte. Erst, als sich das Klappern ihrer Absätze wieder entfernte, wagte er sich in den Schatten zurück.

Luke schmunzelte und schloss die Augen. Er genoss einen sanften Windzug, der durch seine Haare strich. Die Einheimischen ließen sich von den Temperaturen nicht im Geringsten stören. Für Luke waren sie eine Qual. Er war mit seinen Eltern unfreiwillig in die Stadt gekommen, und die Hitze erinnerte ihn jeden Tag daran, dass er seine Heimat lieber nicht verlassen hätte. Er öffnete die Augen wieder. War die Stadt der Engel direkt neben dem Höllentor gebaut worden? Wie sonst wollte man diese Temperaturen erklären?

Er selbst bevorzugte kühleres Wetter. Leider hatten seine Eltern ihn nicht gefragt, sondern waren vor zehn Jahren einfach in den Sonnenstaat gezogen. ›Eine Chance für die Familie‹ hatten sie den Umzug genannt, und in der Zeit, in der sie sich prächtig in die bestehende Gemeinschaft eingliederten, blieb Luke am unteren Ende der Rangfolge zurück.
Das Leben in Los Angeles war ein Fluch, nicht nur in beruflicher Hinsicht. Auch nach all der Zeit vermisste Luke die Berge, in denen er aufgewachsen war. Er legte den Kopf schief und blickte zum Parkplatz, die einzige Aussicht, die den Runnern blieb. Sobald seine Ersparnisse für einen Neuanfang reichten, würde er die Stadt verlassen, Richtung Kanada oder vielleicht Alaska. Hauptsache, die Hitze war nicht so drückend und er konnte hin und wieder durch den Schnee rennen.
Der Gedanke erheiterte ihn. Zahllose Menschen kamen nach Los Angeles, die Taschen gefüllt mit sterbenden Träumen, die sie verzweifelt am Leben halten wollten. Nur er wollte diesem Ort am liebsten sofort den Rücken kehren.
Sein Hemd klebte mittlerweile nicht nur an seinem Rücken, auch der Stoff der Ärmel legte sich unangenehm auf die Haut und sorgte dafür, dass seine ohnehin schon schlechte Laune noch mieser wurde.
Am kommenden Wochenende würde in der Orangerie eine Hochzeit stattfinden. Seit der erste Teil der englischen Gesellschaft eingetroffen war, gab es eine neue Regel. Den Runnern war es nun nicht mehr gestattet, in der klimatisierten Lobby auf ihre Aufträge zu warten. In den Augen der englischen Aristokratie war das ›Herumlungern der Laufburschen in der Eingangshalle‹, wie einige Gäste es bezeichnet hatten, inakzeptabel. Jerome hatte sofort reagiert und die Pagen kurzerhand auf die kleine Terrasse neben der Küche verbannt.

»Luke? Bist du startklar?«
Luke sah verwundert auf. Jerome stand vor ihm.
»Immer, aber ich glaube, Sunny ist vor mir dran.«
»Sunny hat aber noch keinen Führerschein und ich brauche jemanden, der rüber nach Pasadena fährt. Die Braut hat dort diesen kleinen Blumenladen gesehen und möchte, dass die Floristin heute mit Probegestecken herkommt«, ratterte der Concierge gelangweilt die Details des Auftrags herunter.
Ein Dienstleister, der nicht einmal ein eigenes Auto unterhielt, um seine Ware in das Hotel zu bringen? Doch welcher Braut schlug man schon einen Wunsch aus, vor allem, wenn sie die Macht hatte, die ganze Gesellschaft kurzfristig ins Hilton umzubuchen?
»Die Gestecke stehen zur Abholung bereit.« Jerome warf Luke die Schlüssel zu einem SUV zu und legte eine Mappe auf den Abstelltisch neben der Tür. »Immerhin kommst du so aus der Hitze.«
Ohne eine Erwiderung abzuwarten, verschwand Jerome wieder im Gebäude. Das ganze Gespräch hatte stattgefunden, ohne dass er auch nur einen Schritt aus dem gekühlten Teil des Hotels getan hatte.

Luke griff nach der Mappe, deren Leder sich glatt und kühl anfühlte. Ein kurzer Blick hinein verriet ihm die Adresse des Ladens. Blumen abholen bei einer Sofie Francis. Warum nicht?
Die Straßen nach Pasadena waren zu jeder Zeit heillos überfüllt, doch Luke hatte es nicht eilig. Mit etwas Glück kam er erst kurz vor Feierabend wieder am Hotel an. Auf dem Weg zum Parkplatz ging er in Gedanken die beste Route zur angegebenen Adresse durch. In Pasadena kannte er sich nicht gut genug aus, spätestens dort würde er das Navi einschalten müssen, um den Laden zu finden.
»Hey, pass auf, wo du hinläufst!«
Erschrocken wich er Becca aus, die er um ein Haar umgerannt hätte. Er stieß einen leisen Fluch aus und fügte schnell ein »Sorry« hinzu, um die Personenschützerin nicht noch mehr zu verärgern.
Doch sie winkte nur ab und wandte sich wieder der Umgebung und dem Mann zu, der neben ihr herging. Einerseits war es beruhigend, dass sie ihn nicht als Gefahr einstufte, andererseits kränkte es Luke. Selbst wenn er den Wolf meistens unterdrückte, der in ihm schlummerte. Normalerweise erkannte die Clanmacht einen fremden Wolf, sobald er sich näherte. Gerade, wenn der Gegenüber um so viel dominanter war als er selbst. Doch heute hatte die Aleashira ihn nicht wie sonst vor Becca gewarnt, sonst hätte er einen Bogen um sie gemacht.
»Wozu eine Clanmacht, wenn sie zu nichts taugt?«, presste er zwischen den Lippen hindurch, leise genug, damit die beiden Personen, die ihn passierten, nichts davon hörten.

Den groß gewachsenen Mann in Beccas Begleitung hatte Luke schon mehrmals im Hotel gesehen. Er wohnte seit zwei Wochen dort, hielt sich aber meist außerhalb auf. Wie bei ihrem ersten Treffen jagte der Blick des Mannes ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Der Fremde war definitiv kein Wolf, doch Lukes Instinkte sagten ihm, dass er nicht weniger gefährlich war als Becca, die Alphawöflin, die er für seinen Personenschutz angeheuert hatte. Die schulterlangen Haare hatte er zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden, was im Kontrast zu seinem Dreitagebart stand. Seine raubtierhaften Bewegungen waren ebenso präzise wie die von Becca. Genau wie sie war er bereit, jederzeit vorzuschnellen, sollte es nötig sein.

Unbeirrt setzte Luke den Weg zu seinem Wagen fort. Ein Schwall heiße Luft traf ihn beim Öffnen der Tür. Unbarmherzig hatte die Sonne den Wagen in einen Backofen verwandelt. Luke startete den Motor im Leerlauf, um die Klimaanlage ihre Arbeit verrichten zu lassen. Statt gleich in den Wagen zu steigen, beobachtete er das auffällige Paar, das sich zielstrebig auf den Hoteleingang zubewegte. Im Moment sah es allerdings so aus, als wäre die größte Gefahr für den Fremden, dass er in seinem Designeranzug an einem Hitzschlag starb. Ein Schicksal, vor dem Becca ihn nicht würde retten können.
Als hätte er den spöttischen Gedanken gehört, drehte der Fremde sich noch einmal um. Stechend blaue Augen musterten ihn, doch offenbar kam er zu dem Ergebnis, dass von Luke keinerlei Gefahr ausging. Kleinmachen, ducken, unauffällig sein. So kam Luke am besten durchs Leben. Er gab kein Ziel ab, das sich zu bekämpfen lohnte.

»Fuck, ist das heiß.« Luke hatte sich in den Wagen gebeugt, um die Adresse ins Navi einzugeben. Doch auch nachdem das System die optimale Rute berechnet hatte, zögerte er das Einsteigen hinaus. Noch immer war es unerträglich heiß in der Blechkiste. Er nutzte die Zeit, um eine andere Aufgabe zu erledigen.
Die Einteilung der Stadt in drei Reviere brachte die ein oder andere Schwierigkeit mit sich. Luke hätte längst einen besser bezahlten Job haben können. Wenn es nicht die Regelung zwischen den Rudeln gegeben hätte. Es war ihm ausdrücklich verboten, sich für längere Zeit in einem fremden Clan-Gebiet aufzuhalten. Es ohne Ankündigung zu betreten, war ebenfalls keine gute Idee.
Mit dem Handy schickte er eine kurze Nachricht an die Nummer, die jeder Wolf kannte, um sich für seine Tour anzumelden. Wenn er das vergaß, waren ihm Knochenbrüche und Schürfwunden sicher. Mit den Clans war nicht zu spaßen. Das Handeln jedes Einzelnen hatte weitreichende Konsequenzen. Trieben sich zu viele Wölfe in einem Teil der Stadt herum, erweckten sie unweigerlich die Aufmerksamkeit der Menschen. Zwar konnten die meisten die Clanmacht, die jeden Wolf umgab, nicht benennen, aber sie reagierten instinktiv darauf. Erfuhren die falschen Personen von ihrer Anwesenheit, wurde es blutig. Ein paar Schrammen waren nichts im Vergleich zu den Toten, die es gab, sobald L. A. in das Visier der Jäger geriet.
Allein die Vorstellung von Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, seine Rasse auszurotten, verursachte ihm Übelkeit. Nicht einmal die Hitze schaffte es, der Kälte, die sich in ihm ausbreitete, etwas entgegensetzten.
Er selbst hatte das Glück, bisher nie einem Jäger begegnet zu sein. Doch die Geschichten der Clans, die nicht mehr existierten, wurden schon den Kleinsten erzählt. Keiner sparte dabei an blutigen Details. Jedem Welpen wurde eingebläut, was passierte, wenn die Menschen von ihrer Existenz erfuhren. Im größten der drei Clans, den Nekare, gab es einen verkrüppelten Werwolf. Duke fehlte ein Auge, und seine rechte Hand war so oft gebrochen worden und wieder zusammengewachsen, dass er sie nach jahrelanger Qual hatte abnehmen lassen. Luke hatte den Werwolf aus Schottland nur einmal an der Reviergrenze gesehen. Er war ein gebrochener Mann. Immer auf der Hut, mit Angst vor seinem eigenen Schatten. Luke seufzte. In das Gebiet der Nekare würde er nun unweigerlich kommen und der Clan war nicht für seine Gastfreundschaft bekannt.

»Na, dann mal los«, murmelte Luke und stieg in den Wagen. Er genoss die kalte Luft, die die Klimaanlage ihm ins Gesicht blies. Dieser Luxus war ihm zu Hause nicht vergönnt und für einen Augenblick war er für die Anstellung in dem Hotel besonders dankbar. Heute würde sein einziges Problem darin bestehen, ein paar Blumen durch die Stadt zu fahren. Diese Aufgabe war nicht sonderlich aufregend. Ließ man die mangelnde Gastfreundschaft der Nekare außer acht, war dies einer der angenehmeren Jobs, die er für Jerome erledigte.

Weiter geht es für euch im Mai, überall wo es Bücher gibt!

Signierte Exemplare könnt ihr aber auch per Mail bei mir vorbestellen:

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