Leseprobe: Wolfkisses 2 – Clanmächte

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Stille lag wie eine dämpfende Decke über dem Raum. Alex sah aus dem Fenster, der Ausblick aus dem achten Stock des Hotels war beeindruckend. Am Horizont konnte er sehen, wie sich dunkle Wolken bedrohlich über dem Meer zusammenzogen, ganz als würden sie seine Laune widerspiegeln.
»Alex. Du kannst diese Entscheidung nicht ewig herauszögern.«
Christoph und Grace saßen auf den Sesseln vor ihm. Die Geschwister waren mit einem Anliegen zu ihm gekommen, das persönlicher nicht hätte sein können.
Alex riss seinen Blick von den Wellen los und sah Grace an.
»Das willst du doch gar nicht.«
»Bitte, wenn du einer Hochzeit nicht zustimmst, wird meine Mutter es als mein Versagen ansehen.« Grace flehte. Es war ein ungewohnter Anblick, die Tochter einer der mächtigsten Jägerfamilien so zu sehen.
»Was sollte das bringen? Du willst nach England zurück, ich möchte in Los Angeles bleiben. Dein Vater will hier Jäger stationieren und ich habe mich dafür gemeldet.«
Christoph stand auf. »Diskutiert das ohne mich weiter. Ihr kennt meine Meinung. Es wäre für jeden von uns dreien das Beste, wenn ihr beiden einfach heiraten würdet.«
Alex zuckte zusammen. Es war das erste Mal, dass Christoph seine Meinung zu dem Thema so deutlich aussprach.
Der Klang der sich schließenden Tür hatte etwas Endgültiges. Christoph hatte sie allein gelassen und Grace war ebenfalls aufgestanden. Unruhig lief sie im Raum auf und ab.
»Ich verstehe dich. Ich verstehe, warum du nicht in unsere Familie einheiraten willst. Aber es gibt keine Liebe für Jäger und wir wissen beide, wenn es zwischen uns schon keine Liebe gibt, dann doch zumindest Respekt. Das ist immerhin mehr, als die meisten Paare haben.«
Alex senkte den Blick. Er wollte zu einer möglichen Hochzeit nichts mehr hören. Heute nicht, morgen nicht. Am liebsten nie wieder.
»Du würdest nicht glücklich werden.«
»Meinst du, ich werde glücklich, wenn meine Mutter mich an eine der anderen Familien verkauft? Wir wissen nicht einmal, wen sie dafür in Betracht zieht, nur dass sie bereits verhandelt.«
Er sah auf. Grace stand wieder vor ihm. Die Verzweiflung in ihrem Blick ließ ihn fast nachgeben. Was bedeutete schon eine Hochzeit?
Das Weitergeben des Familiennamens und bestenfalls eine Freundin an seiner Seite. Mehr würde es mit keiner anderen Frau sein. Zumindest mit keiner, die vom Rat akzeptiert würde.
»Bitte Alex, komm mit mir nach Hause.«
Alex schüttelte den Kopf. Es war drei Wochen her, dass er Becca das letzte Mal gesehen hatte. Drei Wochen, in denen ihm klar geworden war, dass er sie mehr vermisste, als er für möglich gehalten hatte.
Er wollte bleiben, die Stadt beschützen. Becca beschützen. Zumindest für die erste Zeit.
»Es wäre auch für dein Herz besser. Das kühlere Wetter in England belastet es nicht so wie die Hitze hier.«
Alex‘ Stimme war schneidend, als er Grace unterbrach: »Meinem Herzen geht es seit drei Wochen wieder deutlich besser, ein Umstand, der nicht rechtfertigt, dass du mich länger auf die Ersatzbank schickst. Nicht, wenn wir doch wissen, dass es Wölfe in Los Angeles gibt. Bitte flieg einfach nach Hause und nimm um Himmels Willen deinen Bruder mit.«
Alex wollte nicht zurück in seine Heimat. Der Ortswechsel, weg von seinem Familienanwesen, hatte ihm gut getan. Es war Zeit für den nächsten Schritt. Weg von den Tosnys. Selbst wenn sie ihn aufgezogen hatten, in den letzten Wochen war ihm bewusst geworden, dass er seinen eigenen Weg gehen musste. Und vielleicht, mit genug Zeit, konnte er sogar Becca wiedertreffen. Irgendwann, wenn sie ihn nicht mehr hasste. Wenn sie ihm verzeihen könnte, dass er ein Jäger war.
Graces Hand lag auf dem Türknauf, als sie noch einen letzten Versuch startete. »Denk darüber nach Alex, bitte. Du bist der Einzige, der mich davor retten kann, in eine fremde Familie einzuheiraten.«
Die Hilflosigkeit auf ihrem Gesicht ließ Alex peinlich berührt aus dem Fenster blicken. Grace war es gewohnt, zu bekommen, was sie wollte, und in diesem Moment war ihr die Angst deutlich anzusehen. Er betrachtete das Meer, das unbeeindruckt von menschlichen Problemen seinen Gezeiten nachging. Die Wellen hoben sich in ihrem unbeeinflussbaren Rhythmus. Fast glaubte er, das Wasser rauschen zu hören. Ein absurd friedliches Bild.
Ein lauter Knall zerschnitt seine Gedanken.
Es war ein Geräusch, das er selbst bei ohrenbetäubendem Lärm jederzeit erkannt hätte. Eine Kugel, die den Lauf einer Waffe verlassen hatte. Sofort übernahm der Jäger in Alex das Kommando und dieser erlaubte ihm keine Panik. Alex sprang auf und sprintete auf die Tür zu. Grace war längst auf den Flur geeilt.
Das Bild, das sich ihm bot, als er aus der Suite stürmte, ließ ihn erstarren. Im gleichen Moment, in dem seine Füße stoppten, spürte er, wie sein Brustkorb sich krampfhaft zusammenzog.
Becca lag vor Christoph auf dem Boden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht kroch sie rückwärts von dem Jäger weg. Doch hier wusste jeder, vor einer weiteren Kugel würde sie nicht fliehen können. Christoph zielte in aller Ruhe und unbeirrt auf ihren Kopf.
»Was ist hier los?« Alex hörte seine eigene Stimme durch den Flur hallen. Als könnte er Becca nur mit Worten aus dieser Situation befreien! Rauschen dröhnte ihm in den Ohren und für einen Moment hatte er Probleme, das Gleichgewicht zu halten.
»Werwolf«, fauchte Christoph, Antwort und Warnung zugleich. Alex’ Welt geriet ins Wanken.
Christoph versuchte Grace mit seiner freien Hand davon abzuhalten, näher an Becca heranzutreten. Doch im Gegensatz zu Alex brauchte die Jägerin keinerlei Bedenkzeit, um ihre Entscheidung zu treffen. Geschick entwand sie sich ihrem Bruder und gerade, als Becca den Mund öffnete, um etwas zu sagen, trat Grace mit voller Wucht zu. Christophs Warnung schien sie nicht zu überraschen. Im Gegenteil, sie wirkte, als hätte sich etwas bestätigt, das sie schon lange gewusst oder zumindest erwartet hatte.
Die Haut über Beccas Augenbraue platzte auf. Sofort überströmte Blut ihr bleiches Gesicht. Ihr Blick schien den von Alex zu suchen und mit schmerzverzerrter Miene stemmte sie sich vom Boden hoch. Zwischen die Geschwistern hindurch fixierte sie ihn. Seine Hände zitterten, als er Blut über ihre bebenden Lippen quellen sah.
Werwolf, hallte es in Alex‘ Ohren. Er machte einen Schritt auf sie zu. Hatte der Jäger recht? War Becca der Feind? Ein weiterer seiner Schritte brachte Alex näher an sie heran. War ihre ganze Anwesenheit hier nur ein Versuch gewesen, ihn zu manipulieren, ihn in eine Falle zu locken? War sie jetzt zurückgekommen, um ihn zu töten? Das Rauschen in seinen Ohren wurde lauter, Alex nahm kein anderes Geräusch mehr wahr. Trotz Beccas Verrats schrie alles in ihm danach, sie zu schützen.
Grace trat ein weiteres Mal in Beccas Gesicht. Dieses Mal traf sie die Schläfe der am Boden Liegenden.
Bewusstlos sackte Becca zusammen.
Grace war noch keinen ganzen Schritt zurückgetreten, als Christoph sich bereits über die Bewusstlose beugte. Er hatte eine Spritze aus seinem Jackett gezogen und rammte sie ihr in den Arm. Nur am Rande nahm Alex den zufriedenen Gesichtsausdruck des Jägers wahr, während er selbst nach vorne schnellte.
Noch ehe er seinen Ziehbruder erreicht hatte, hatte dieser die wässrig violette Flüssigkeit in ihr Fleisch geleert.
Wolfsbane. Konzentriert. Eine ganze Ampulle war eine viel zu hohe Dosis. Wenn Christoph recht hatte und Becca ein Werwolf war, würde sie nicht so schnell aufwachen. Vielleicht sogar nie wieder.
»Was hast du getan?« Entsetzt ging Alex neben Becca in die Knie. Hilflos sah er in ihr gequältes Gesicht.
»Was nötig war. Sie stellt eine Gefahr dar und zwar eine, die wir von diesem Flur entfernen sollten, bevor jemand kommt.«
Grace schob eilig einige auf dem Boden liegende Dokumente in eine Mappe und hob diese auf.
Das schmale Paket an ihre Brust drückend, legte sie Alex ihre freie Hand auf die Schulter. »Lass uns gehen. Christoph kümmert sich um alles.«
Alex schüttelte gereizt ihre Hand ab, er konnte Grace in diesem Moment nicht ertragen. »Verschwinde Grace, das hier ist noch nicht vorbei.«
»Natürlich ist es das. Sie ist ein Wolf, wir sind Jäger. Aber ich lasse euch mit diesem Problem alleine. Leichen entsorgen ist ja auch eigentlich eine klare Männerangelegenheit.« Grace wandte sich ab und stieg über die Bewusstlose, als würde nicht ein gefährliches Raubtier dort liegen, sondern lediglich ein schlafender Labrador.
Alex‘ Blick haftete an Becca. Sein Brustkorb zog sich zusammen, als sein Herz stockte. Seine Hände zitterten. Er sah auf, wandte sich verzweifelt an Christoph: »Bist du dir sicher? Weißt du genau, dass sie ein Wolf ist? Gibt es Beweise?«
Er brauchte Gewissheit.
»Sieh dir die Reaktion ihres Körpers an. Ich habe sie mit leichter Silbermunition verwundet.« Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: »Die Kugel steckt in ihrer Schulter.«
Blut lief von der Platzwunde an ihrer Augenbraue über ihr Gesicht und mischte sich mit dem der Schusswunde, ehe es auf den ohnehin roten Teppich tropfte.
Vorsichtig, um sie nicht weiter zu verletzen, schob Alex den getränkten Träger ihres Tanktops zur Seite. Sofort waren seine Finger klebrig und rot von ihrem Blut.
Auch in der Bewusstlosigkeit wehrte sich ihr Körper gegen das Silber unter ihrer Haut. Kleine Bläschen bildeten sich am Rand der Wunde, es wirkte, als würde ihr Blut schäumen. Trotz des Silbers und des Wolfsbane, die Wunde schloss sich. Langsam, doch deutlich sichtbar.
Alex hob die Hand, um ihr über die Wange zu streichen, ließ sie jedoch wieder sinken, als ihm bewusst wurde, was er da tat. Beccas Gesicht hatte nichts Friedliches an sich. Es war vor Schmerz verzogen und ihre Augenlider flatterten, als wollte sie sich wieder ins Leben kämpfen, doch gegen das Gift in ihren Adern würde sie keine Chance haben.
»Ziemlich hübsch für ein Tier, auch wenn ich Menschen bevorzuge.« Christophs Stimme holte ihn in die Gegenwart zurück. Die Anzüglichkeit darin missfiel Alex. Doch er konnte ihm nicht widersprechen.
Er strich eine von Beccas Strähnen zur Seite, die durch das Blut in ihrem Gesicht klebte. »Ja, das ist sie.«
Alex zog seine Waffe. Im gleichen Moment verkrampfte sich sein Brustkorb. Er ignorierte das Gefühl der Enge und konzentrierte sich auf die unmögliche Aufgabe, die vor ihm lag. Die Pistole in seiner Hand schien Tonnen zu wiegen.
Genau wie die erste Waffe, die an diesem Tag abgefeuert worden war, enthielt sie Silberkugeln. Nicht die leichte Munition, die Christoph bevorzugte. Alex‘ Kugeln waren modifizierte Hollow Point Geschosse aus Silber. Sie platzten unter der Haut auf und verteilten sich im Fleisch des Getroffenen. Sie vergifteten den Wolf, selbst wenn er im ersten Moment entkam.
Christophs Kugeln waren die eines Forschers, Alex hatte die eines Jägers. Im Gegensatz zu seinem Ziehbruder machte Alex keine Gefangenen. Niemals.
Bilder blitzten auf, wie er vor Wochen mit Becca in seinem Hotelzimmer verschwunden war. Wie entsetzt sie über Milas Strafe gewesen war. Der Hass in ihren Augen, als sie ihm gesagt hatte, sie wolle ihn nie wieder sehen.
Der Kampf in seinem Inneren entspannte sich etwas. Sie hatte gewusst, dass er ein Jäger war. Damit musste ihr auch klar gewesen sein, welche Konsequenzen es für sie haben würde, zu ihm zu kommen.
Er überprüfte, ob das Magazin eingerastet war, und richtete die Waffe auf Beccas Kopf.
Als würde sie die Gefahr, die von ihm ausging, fühlen, stöhnte sie vor Schmerzen auf. Doch es war lediglich das Wolfsbane, das endlich seine volle Wirkung entfaltete. Und auch Alex‘ Herz schien noch einmal zu rebellieren. Sein Atem ging rasselnd, sein Oberkörper krümmte sich.
»Ich kann das nicht.« Alex senkte die Waffe wieder. Seine Schultern sackten herunter, als er verzweifelt zu Christoph aufsah.
»Verdammt Alex, verschwinde, bevor jemand die Polizei schickt.« Christoph zog Alex nach oben, weg von Becca. »Ich kümmere mich um sie, das muss nicht deine Aufgabe sein.«
Alex sah, wie Christoph einen Schalldämpfer auf seine Waffe schraubte.
»Geh jetzt«, forderte Christoph ihn noch einmal auf und diesmal ging Alex. Er taumelte in sein Zimmer. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und schnitt ihn so von der Szene auf dem Flur ab. Er stolperte zum Schreibtisch und goss sich ein Glas Whiskey ein. Seine Hände waren klebrig. Er starrte auf seine roten Finger.
»Sie ist ein Monster. Es ist unsere Aufgabe«, flüsterte er. Doch die Worte konnten die Leere nicht füllen, die ihn zu erdrücken drohte. Vor seinem inneren Auge erschien das Bild von ihr. Blutüberströmt. Das gleiche Blut, das ihm jetzt noch an den Händen klebte.
Alex fühlte nicht, wie seine Beine nachgaben, er spürte nur den Aufprall auf dem Boden. Der Schmerz in seiner Brust wurde unerträglich und im nächsten Moment verschwamm der Raum vor seinen Augen zu einem einheitlichen Farbbrei, bis endlich Dunkelheit die Erlösung brachte.

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